Archiv für Juni 2012

Platzverweiße für Burschis!

Nachdem unser Artikel zu der aktuellen Diskussion über den Coburger Convent leider nur stark verkürzt oder bisher gar nicht in den Coburger Tageszeitungen zu lesen war, wollen wir ihn hier nochmals in voller Länge veröffentlichen.

Nach dem offenen Brief der Coburger Grünen ist nun auch endlich die Antwort des OB Kastner erschienen. Eine Distanzierung oder zumindest eine Auseinandersetzung mit den Vorwürfen, die die Grünen gegen den CC haben, ist nur oberflächlich zu finden. Vielmehr fühlt sich Herr Kastner wohl selbst angegriffen und in die Defensive gedrängt. In Folge dessen wird, anstatt sich wirklich mit dem CC zu befassen, mit den gleichen oberflächlichen Argumenten gearbeitet wie jedes Jahr. Die Grünen, ebenso wie die Gegendemonstrant_innen, würden den Coburger Convent „pauschal in die rechtsextreme Ecke stellen.“ Wir können weder in unserer Kritik noch in dem Text der Grünen eine solche Pauschalisierung finden! Vielleicht hätte sich Herr Kastner einmal etwas differenzierter mit unserer Kritik auseinandersetzen sollen. Unsere Kritik richtet sich nicht nur gegen ein vorhandenes, vor allem rechts ausgeprägtes Weltbild innerhalb der Kooperationen (ein Beleg hierfür wäre das Verfahren gegen einen Coburger Fuxmajor, der im Steinweg den Hitlergruß gezeigt hat), sondern auch gegen die streng hierarchische Organisation und die damit verbundene Unterordnung Einzelner zum vermeintlichen Wohl der Verbindung. Eben sowenig lässt sich abstreiten, dass der CC Sexismus sowie Homophobie reproduziert. Dies geht schon alleine aus den Gründen, warum der Coburger Convent sich als reiner Männerbund sieht, hervor.
Der von Herrn Kastner bzw. von den Korporierten als Totengedenken bezeichnete Geschichtsrevisionismus, ist nichts anderes als eine Verklärung deutscher Täter zu Opfern oder gar noch die Verehrung dieser als Helden, was jedes Jahr erneut bei den Reden, die bei dieser Veranstaltung gehalten werden, deutlich wird. Deshalb macht es keinen Sinn, dem Geschichtsrevisionismus auch noch Rechnung zu tragen und ihn als Totengedenken zu zelebrieren! Die Bezeichnung als Heldengedenken sehen wir daher als politisches Mittel, um auf diese Missstände hinzuweisen. Dass das Heldengedenken in den vergangenen 2 Jahren als Ökumenischer Gottesdienst deklariert wurde, hatte einzig und alleine den Zweck, Gegenproteste zu unterbinden – das Stören eines Gottesdienstes gilt als Straftat und kann mit bis zu 3 Jahren Freiheitsentzug geahndet werden – und somit Kritiker_innen in ihrem Grundrecht auf Versammlungsfreiheit zu beschneiden.
Die Distanzierung des CC zu der Deutschen Burschenschaft bzw. der Austritt aus dem CDA ist für uns lediglich der Versuch einer Imageaufwertung. Trotz des Austritts und der vermeintlichen Distanzierungen haben die Studenten weiterhin Kontakt in Form von Waffenringen etc. mit offen rassistischen Burschenschaftlern. Daher hat eine solche Farce unserer Auffassung nach keinerlei Beifall verdient! Zu den „aufrechten Sozialdemokraten“ welche Mitglied im CC sind, fällt uns nur der alte Spruch „Wer hat uns verraten? …!“ ein.
Im Zuge der Argumentation des OB´s, wird auch die Extremismustheorie angeführt. In Coburg dürfe „weder für rechtsradikale noch linksradikale Umtriebe“ Platz sein. Hiermit werden wieder einmal Antifaschist_innen mit Neonazis, welche, wie nicht erst der NSU gezeigt hat, wohl auch vor Mord nicht zurückschrecken, gleichgesetzt. Ein in Coburg dringend nötiger Antifaschismus wird durch solche Aussagen wieder einmal delegitimiert bzw. diffamiert, während die Coburger Bevölkerung als „die gesellschaftliche Mitte“, welche frei von Rassismus und Diskriminierung ist, dargestellt wird. Dass dem nicht so ist, zeigt sich gerade während der EM! Die Extremismustheorie, welche wissenschaftlich so nicht bestätigt werden kann, konstruiert eine Polarisation extremer Auffassungen an den Rändern der Gesellschaft und verkennt dabei, dass rassistische Ressentiments auch oder gerade aus der vermeintlichen Mitte kommen. Auf den schlecht recherchierten Artikel über CArA im Verfassungsschutzbericht, auf den sich der Oberbürgermeister bezieht, haben wir uns schon oft genug geäußert und wollen darauf hier nicht näher eingehen.
Insgesamt hat uns die Antwort von Herrn Kastner enttäuscht. Der Inhalt zeigt, dass sich nur oberflächlich mit dem CC befasst wurde, bzw. einfach unter der Devise „es kann nicht sein, was nicht sein darf“ die in den Verbindungen vorherrschenden Realitäten ignoriert werden. Anstatt offen auf eine Kritik zu reagieren, wird mit abgedroschenen Argumenten wie der Extremismustheorie oder Verfassungsschutzberichten um sich geworfen. Wir hoffen, dass sich Herr Kastner in Zukunft auch einmal mit unserer Kritik befasst – und diese vielleicht sogar versteht – anstatt sich gemeinsam mit den Verbindungsstudenten im Festzelt mit Bier zu befassen.
Wir hoffen, dass Herr Kastner sich auch zu unserer Kritik äußern wird.

Ihr ewig nervendes
CArA

Keine Feier für die Nation!

Während der EM zeigt sich Deutschland einmal wieder in Schwarz-Rot-Gold. Mensch kann sich dem Fahnenmeer kaum noch entziehen, der Nationaltaumel ist allgegenwärtig, auf den Straßen, im Fernsehen, an Werbetafeln, an den Autos, in der Kneipe. Doch warum das alles? Was bringt einen Menschen dazu, sich mit einer Nation zu identifizieren und welche Gefahren kann dies mit sich bringen?

Individualismus oder feiern für die Nation?

Durch Schminke, Fahnen und sonstige Fanartikel wird sich mit Deutschland identifiziert, während die Individualität hierbei auf der Strecke bleibt. Die Nation schafft eine Gemeinschaft, wo eigentlich keine ist; im Taumel fühlen sich alle Deutschen miteinander verbunden und es entsteht ein vermeintlicher Zusammenhalt. Um sich in diese Gemeinschaft einfügen zu können, muss mensch sich der Masse unterordnen und damit seine eigene Individualität aufgeben. Dies äußert sich bereits in den fast immer gleich aussehenden Trikots, Accessoires und Schminke. Durch diese Artikel soll eine nationale Identität nach außen getragen werden. Doch womit identifiziert mensch sich eigentlich? Dem Konstrukt einer Gemeinschaft, welche keinerlei Gemeinsamkeiten in sich trägt? Selbst die Staatsbürgerschaft beruht nur auf einem Zufall, denn was hat mensch dazu getan um hier geboren, also Deutsche_r Staatsbürger_in zu sein? In einem Staat dessen Grenzen willkürlich durch Kriege entstanden sind.

Nationalstolz – harmloses Partyevent?

Die Zuordnung zu einer Nation oder Volksgemeinschaft schließt eben immer andere Menschen aus. Die Identifikation als ein Volk beinhaltet die Unterscheidung zwischen deutschen und nichtdeutschen Menschen. In Verbindung mit einem sportlichen Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Nationen kommt es nicht selten zu einer Gleichsetzung der „feindlichen“ Nationalmannschaft und deren Nation. Was der in den letzten Tagen oft gehörte Ausruf „Scheiß-Griechen“ leider nur allzu gut verdeutlicht. Gerade bei dem Spiel zwischen Deutschland und Griechenland verliert die EM ihre vermeintlich unpolitische Maske. Aber auch bei anderen Spielen kommt es häufig zu rassistischen Äußerungen aus dem deutschen Block. Als trauriger Höhepunkt wären hier die unmissverständlichen „Sieg“-Rufe (mit anschließender kurzen Pause) bei vergangenen Spielen. „Ernsthafter Sport hat nichts zu tun mit fairem Spiel. Er ist verbunden mit Hass, Eifersucht, Überheblichkeit, Missachtung aller Regeln und sadistischer Freude daran, Zeuge von Gewalt zu sein, in anderen Worten: Krieg abzüglich der Schießereien“ (George Orwell).
Beim Public Viewing sind auch immer wieder Neonazis anzutreffen, teils auch mit Schwarz-Weiß-Roter Fahne. Natürlich ist nicht jeder Deutschlandfan gleich ein Neonazi, doch die derzeitige Situation wird bewusst von solchen ausgenutzt um ihre menschenverachtenden Ideologien zu verbreiten. Es wird von „Passdeutschen“ innerhalb der Nationalmannschaft schwadroniert. Der deutsche Mob verliert sich schnell in solchen Thesen und ein sonst vor allem unterschwellig ausgelebter Rassismus zeigt sich auch in der Öffentlichkeit. Wozu eine solche Stimmung führen kann, zeigte sich im August 1992 in Rostock Lichtenhagen, als mehrere Tausend stolze Deutsche jubelnd und applaudierend dabei zusahen wie Neonazis ein Asylbewerberheim anzündeten. Mit Parolen wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ wurden die aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Faschist_innen angefeuert, während die Menschen in dem Heim um ihr Leben fürchten mussten. Nationalismus ist also alles andere als ein harmloses Partyevent!

Der „Gesamtscheiße“ entgegentreten! Für ein freies Leben!

Gerade in der Fußballfan„kultur“ sind Sexismus und Homophobie sehr stark verankert. Die Fußballszene zeigt sich vor allem männlich, was in Form von Trinkgelagen oder Rummackern geschieht. Immer wieder werden LesBiSchwule ausgegrenzt, beleidigt oder gar körperlich angegriffen. Diese Mentalität ist natürlich auch während der EM vorhanden. Gerade bei einem solchen Massenevent werden solche sowieso schon in der vermeintlichen gesellschaftlichen Mitte vorhandenen Ressentiments verstärkt. Durch das Gefühl der Zugehörigkeit zur Nation werden die wirklichen Unterschiede zwischen den Menschen verschleiert. Plötzlich stehen Menschen, die am Existenzminimum leben und Menschen, die im Überfluss leben, Arm in Arm beim Public Viewing. Nichts verbindet diese beiden sozialen Lager, trotzdem wird ein vermeintlicher Zusammenhalt gezeigt, denn beide sind Deutschland. Die Grenze zwischen den Menschen verläuft nicht zwischen den konstruierten Völkern, sondern innerhalb einer Gesellschaftsordnung in der des Einen Armut des Anderen Wohlstand bedeutet. Mit Veranstaltungen, wie der EM oder Kampagnen, wie „du bist Deutschland!“, wird eben diese Realität bewusst überspielt, um soziale Kämpfe zu hemmen und ein solches Klassenbewusstsein zu unterdrücken. Die Identifikation mit einer Nation ist auch immer die Befürwortung eines Staates, der als solcher weder wünschenswert noch unterstützenswert ist. Der deutsche Staat ist an Menschenrechtsverletzungen an den europäischen Außengrenzen beteiligt. Es werden Waffen an jede_n, der/die bereit ist genug dafür zu zahlen, verkauft. So profitiert Deutschland weiterhin von Kriegen und dem daraus resultierenden Leid auf der ganzen Welt!

Doch ein anderes Leben ist möglich! Der Kapitalismus ist eben sowenig wie ein Staat eine Naturgegebenheit, sondern von Menschen geschaffen und kann auch von Menschen wieder dekonstruiert werden. Das menschliche Zusammenleben ist nicht nur durch den Staat gegeben. Es kann auch eine freie, solidarische Gesellschaft ohne Staaten existieren. Kein Mensch hat das Recht über andere Menschen zu herrschen. Es gibt viele denkbare Alternativen zu den bestehenden Verhältnissen. Doch nur davon zu träumen reicht nicht, wir können hier und heute etwas verändern! Deshalb feiern wir nicht für die Nation und all die Widerlichkeiten, für die sie steht!

Nationalismus raus aus den Köpfen!
Freiheit herrscht nicht!
Her mit dem schönen Leben!