Keine Feier für die Nation!

Während der EM zeigt sich Deutschland einmal wieder in Schwarz-Rot-Gold. Mensch kann sich dem Fahnenmeer kaum noch entziehen, der Nationaltaumel ist allgegenwärtig, auf den Straßen, im Fernsehen, an Werbetafeln, an den Autos, in der Kneipe. Doch warum das alles? Was bringt einen Menschen dazu, sich mit einer Nation zu identifizieren und welche Gefahren kann dies mit sich bringen?

Individualismus oder feiern für die Nation?

Durch Schminke, Fahnen und sonstige Fanartikel wird sich mit Deutschland identifiziert, während die Individualität hierbei auf der Strecke bleibt. Die Nation schafft eine Gemeinschaft, wo eigentlich keine ist; im Taumel fühlen sich alle Deutschen miteinander verbunden und es entsteht ein vermeintlicher Zusammenhalt. Um sich in diese Gemeinschaft einfügen zu können, muss mensch sich der Masse unterordnen und damit seine eigene Individualität aufgeben. Dies äußert sich bereits in den fast immer gleich aussehenden Trikots, Accessoires und Schminke. Durch diese Artikel soll eine nationale Identität nach außen getragen werden. Doch womit identifiziert mensch sich eigentlich? Dem Konstrukt einer Gemeinschaft, welche keinerlei Gemeinsamkeiten in sich trägt? Selbst die Staatsbürgerschaft beruht nur auf einem Zufall, denn was hat mensch dazu getan um hier geboren, also Deutsche_r Staatsbürger_in zu sein? In einem Staat dessen Grenzen willkürlich durch Kriege entstanden sind.

Nationalstolz – harmloses Partyevent?

Die Zuordnung zu einer Nation oder Volksgemeinschaft schließt eben immer andere Menschen aus. Die Identifikation als ein Volk beinhaltet die Unterscheidung zwischen deutschen und nichtdeutschen Menschen. In Verbindung mit einem sportlichen Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Nationen kommt es nicht selten zu einer Gleichsetzung der „feindlichen“ Nationalmannschaft und deren Nation. Was der in den letzten Tagen oft gehörte Ausruf „Scheiß-Griechen“ leider nur allzu gut verdeutlicht. Gerade bei dem Spiel zwischen Deutschland und Griechenland verliert die EM ihre vermeintlich unpolitische Maske. Aber auch bei anderen Spielen kommt es häufig zu rassistischen Äußerungen aus dem deutschen Block. Als trauriger Höhepunkt wären hier die unmissverständlichen „Sieg“-Rufe (mit anschließender kurzen Pause) bei vergangenen Spielen. „Ernsthafter Sport hat nichts zu tun mit fairem Spiel. Er ist verbunden mit Hass, Eifersucht, Überheblichkeit, Missachtung aller Regeln und sadistischer Freude daran, Zeuge von Gewalt zu sein, in anderen Worten: Krieg abzüglich der Schießereien“ (George Orwell).
Beim Public Viewing sind auch immer wieder Neonazis anzutreffen, teils auch mit Schwarz-Weiß-Roter Fahne. Natürlich ist nicht jeder Deutschlandfan gleich ein Neonazi, doch die derzeitige Situation wird bewusst von solchen ausgenutzt um ihre menschenverachtenden Ideologien zu verbreiten. Es wird von „Passdeutschen“ innerhalb der Nationalmannschaft schwadroniert. Der deutsche Mob verliert sich schnell in solchen Thesen und ein sonst vor allem unterschwellig ausgelebter Rassismus zeigt sich auch in der Öffentlichkeit. Wozu eine solche Stimmung führen kann, zeigte sich im August 1992 in Rostock Lichtenhagen, als mehrere Tausend stolze Deutsche jubelnd und applaudierend dabei zusahen wie Neonazis ein Asylbewerberheim anzündeten. Mit Parolen wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ wurden die aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Faschist_innen angefeuert, während die Menschen in dem Heim um ihr Leben fürchten mussten. Nationalismus ist also alles andere als ein harmloses Partyevent!

Der „Gesamtscheiße“ entgegentreten! Für ein freies Leben!

Gerade in der Fußballfan„kultur“ sind Sexismus und Homophobie sehr stark verankert. Die Fußballszene zeigt sich vor allem männlich, was in Form von Trinkgelagen oder Rummackern geschieht. Immer wieder werden LesBiSchwule ausgegrenzt, beleidigt oder gar körperlich angegriffen. Diese Mentalität ist natürlich auch während der EM vorhanden. Gerade bei einem solchen Massenevent werden solche sowieso schon in der vermeintlichen gesellschaftlichen Mitte vorhandenen Ressentiments verstärkt. Durch das Gefühl der Zugehörigkeit zur Nation werden die wirklichen Unterschiede zwischen den Menschen verschleiert. Plötzlich stehen Menschen, die am Existenzminimum leben und Menschen, die im Überfluss leben, Arm in Arm beim Public Viewing. Nichts verbindet diese beiden sozialen Lager, trotzdem wird ein vermeintlicher Zusammenhalt gezeigt, denn beide sind Deutschland. Die Grenze zwischen den Menschen verläuft nicht zwischen den konstruierten Völkern, sondern innerhalb einer Gesellschaftsordnung in der des Einen Armut des Anderen Wohlstand bedeutet. Mit Veranstaltungen, wie der EM oder Kampagnen, wie „du bist Deutschland!“, wird eben diese Realität bewusst überspielt, um soziale Kämpfe zu hemmen und ein solches Klassenbewusstsein zu unterdrücken. Die Identifikation mit einer Nation ist auch immer die Befürwortung eines Staates, der als solcher weder wünschenswert noch unterstützenswert ist. Der deutsche Staat ist an Menschenrechtsverletzungen an den europäischen Außengrenzen beteiligt. Es werden Waffen an jede_n, der/die bereit ist genug dafür zu zahlen, verkauft. So profitiert Deutschland weiterhin von Kriegen und dem daraus resultierenden Leid auf der ganzen Welt!

Doch ein anderes Leben ist möglich! Der Kapitalismus ist eben sowenig wie ein Staat eine Naturgegebenheit, sondern von Menschen geschaffen und kann auch von Menschen wieder dekonstruiert werden. Das menschliche Zusammenleben ist nicht nur durch den Staat gegeben. Es kann auch eine freie, solidarische Gesellschaft ohne Staaten existieren. Kein Mensch hat das Recht über andere Menschen zu herrschen. Es gibt viele denkbare Alternativen zu den bestehenden Verhältnissen. Doch nur davon zu träumen reicht nicht, wir können hier und heute etwas verändern! Deshalb feiern wir nicht für die Nation und all die Widerlichkeiten, für die sie steht!

Nationalismus raus aus den Köpfen!
Freiheit herrscht nicht!
Her mit dem schönen Leben!